Aktuell

Es gibt Termine für das Jahr 2021!

Am Mittwoch, dem 1. September, fahre ich ab 19 Uhr mit Sven Amtsberg und Alexander Posch im Schischiboot die Elbe hoch und runter. Wir erklären alte und neue Sehenswürdigkeiten entlang der Ufer (z.B. die neue Hölderlin-Kaserne am Trötzendorff-Kai) und lesen jeweils die schimmerndsten Perlen des eigenen literarischen Schaffens vor. Wir blinzeln in die untergehende Sonne und stylen uns die im Wind flatternden Haare mit Gischtwasser. Das wird ein Spaß! Vielleicht kann/darf man sich sogar schon wieder umarmen, und wenn nötig, verimpfen wir gleich an Bord die zweite oder dritte Dosis, egal. Herrlich! Käpt’n Schnoor (MS Hedi, Landungsbrücke 10) sei Dank!

Achtung: Der Termin am 30. Juni auf der Barkasse Hedi wurde hingegen gerade abgesagt!

Und am 08. September, ebenfalls Mittwoch, lese ich um 20 Uhr gemeinsam mit der Hamburger Autorin Sigrid Behrens beim Wortpicknick im Park Planten un Blomen in der schönen Kurmuschel vor. Der Künstler und Musiker Jan Helbig wird außerdem Lieder spielen.

Was sonst bisher geschah, für alle, die sich gerade erst zugeschaltet haben:

Im September 2020 beendete ich einen weiteren Roman, den ich persönlich, in aller Bescheidenheit, für richtig gut gelungen halte, Sommer der Gespenster. Der Roman erzählt vom 13jährigen Otis, der sich mit seinem Vater Heiner zur Kur auf Sylt befindet, weil ihm ein Gespenst in Person seiner Mutter erscheint (oder andersherum).

Ich habe eine Gruppe von acht Autorinnen und Autoren zusammen getrommelt, um unter dem Namen Wilder Igel  gemeinsam einen Fortsetzungsroman über eine Autobahnraststätte zu schreiben und irgendwann im Laufe des Jahres (2021), möglichst in Form echter Lesungen vor realen Menschen (wir erinnern uns … ?), aus immer neuen Kapiteln vorzulesen.

Bis eben gerade saß ich da und fragte mich, ob ich überhaupt weiter machen soll mit dem Schreiben, z.B. in Form des sehr, sehr, sehr, sehr vielversprechenden neuen Projektes Gotenring. Zwischenzeitlich (davor beim Joggen) hatte ich erwogen, in den Streik zu treten, aber das würde die Menschheit dann doch zu hart treffen, das kann ich in moralischer Hinsicht einfach nicht machen, ich habe da ja auch eine Verantwortung zu tragen: für Dich, liebe Menschheit (Herzchen).

Gerade ist ja immer noch Lockdown, immer noch dieser harte nach dem lighten zwischendrin, und ich lasse mein altes Corona-Tagebuch unten stehen, man kommt ja nicht mehr hinterher.

 

27.3.20

Heute ist ein schöner Tag, ein Freitagmorgen. Die Sonne scheint, seit Tagen schon.

Die Kinder sind zuhause und spielen noch in ihren Zimmern. It is Corona-time. Das bedeutet seit Tagen, dass ich nicht so zum Schreiben komme wie sonst. Und das stellt sicherlich eines der überschaubaren Probleme weltweit dar. Gerade eben habe ich dem Morgen ein paar dürre Zeilen abgerungen. Später werde ich versuchen, ob das alte Auto noch zu beleben ist, und es im günstigen Fall ein wenig durch die Stadt bewegen. Der Plan ist, der Mutter einen Besuch abzustatten. Die sitzt in ihrem Stadtteil in ihrem Heim hinter Glas und darf nicht heraus und wir nicht hinein. Wir werden uns vor das Glas stellen und ihr zuwinken, und sie wird sich wundern, was diese Menschen, die ihr etwas bedeuten, vor ihrem Fenster treiben und warum sie nicht reinkommen.

Anschließend spielen wir Mensch-Ärger-dich-nicht, bis der Arzt kommt. Falls er eine Schutzmaske findet.

Abends widme ich mich weiter meinen Tutorials, ich muss gerade viel lernen. Aktuell: Survival im eigenen Wohnraum – Sozialphobiker berichten.

Ich tue gerade Dinge, von denen ich gedacht hätte, ich täte sie nie. Ich erwäge den Erwerb zweier E-books (z.B. Ottessa Moshfegh). Ich treibe entschlossen die Digitalisierung der Welt voran. Es gibt kein zurück! Oder?

 

28.3.20

Nicht mehr schreiben? Kein Schriftsteller mehr sein? Mit dieser, mit diesen Fragen beschäftige ich mich aktuell. Und das hat nur bedingt mit … genau, zu tun. Kann ich das lernen? Will ich das? Was wäre ich dann? Weiterhin ein Ich, ein Konzept. Ein Selbst, ein Wesen. Form und Leere. Ein wandelndes Nichts, mit allen erlebten und zugeschriebenen Eigenschaften und Fähigkeiten, dem das alte identifikatorische Zentrum fehlt. Was tritt an die Stelle? Das Soziale? Die Kinder, die Frau, die Familie, die Freunde? Wie am Anfang, Schreiben oder Leben? Lesen.

Derzeit lesen die Menschen wieder Bücher, heißt es.

Ich gebe zu, ich versenke mich ja gerne schreibend in Romane. Es erfüllt mich.

Liebe Welt, ich bin ja ganz neu und frisch. Ich kann beim besten Willen keine Falten und Dellen und Wulste erkennen.

Heute Abend Corona-Spaziergang mit Jan am Fluss entlang. Blühende Büsche und kalte Luft. Darauf freue ich mich.

 

29.3.20

Ich lese gerade Allegro Pastell von Leif Randt und Wenn das noch geht kann es nicht so schlimm sein von Benjamin Maack. Mal mehr im einen, mal mehr im anderen. Schwierig und schön, beides auf eigene Weise. Vorher habe ich Dad von Nora Gantenbrink und Der Defekt von Leona Stahlmann zur Seite gelegt. Beendet hatte ich Power von Verena Güntner, das hat mir ganz gut gefallen. Und sehr gerne habe ich Der Freund von Sigrid Nunez gelesen.

Namen: Ich möchte eine monatliche Lesebühne gründen, habe ich das schon erzählt? Sie soll Die Beuys heißen. Jan erzählte mir gestern von einem Behörden-Newsletter, der Der Bewegungsmelder heiße. Toller Name. Wäre ich noch einmal Mitte Zwanzig und würde eine Band gründen, würde ich sie jetzt Jonzac nennen, das ist ein Ort in Frankreich.

Es hat geschneit. Es schneit noch, aber es ist ein wässriger Schneeregen. Es sieht komisch aus, wenn ich aus dem Küchenfenster gucke. Gleichzeitig treiben diese dünnen Flocken und die Blütenblätter des Kirschbaums über den Hof.

 

30.3.20

Schnee. Schneeballschlacht. Mit und gegen die Nachbarn. Kurzes, wildes Vergessen. Dann Schulaufgabenbetreuung. An Schreiben nicht zu denken.

 

1.4.20

Während die Kinder unten Monopoly spielen und der Größere die Kleinere hemmungslos abzockt, arbeite ich unentschlossen an einem Text, von dem ich nicht weiß, ob er jemals das Licht der Leselampen erblicken darf. Darf man nachfragen, wie die Lage ist? Oder wird man vom Agenten ausgelacht? Darf man sich bei Verlagen und eventuellen Kontaktpersonen nach einer Chance erkundigen – oder haben die Immer-noch-Besseres zu tun, Notprogramme im Homeoffice klöppeln, mit Spitzentitelbesatz? Was soll ich tun? Krönchen rücken und so weiter, Mund abwischen und blind und dümmlich weiterweiterweiterschreiben? Weiterschreiben, weiterschreiben, hier gibt’s nichts einzutreiben.

Die Welt da draußen ist heute eisig grau. Die Blüten haben sich teils ins Knospige zurückgezogen, teils sind sie braun geworden in der Kälte.

Mir geht es gut, einfach gut.

 

2.4.20

Gestern Abend bin ich um die Außenalster spaziert. Dicke dunkelgraue Wolken über lichteres Grau getupft. Einmal flog ein Hubschrauber in mittlerer Höhe über das Wasser. Die Jogger blieben stehen und schauten ihm nach, das laute Geräusch ist ungewöhnlich geworden. Überhaupt, ein Verkehrsmittel in der Luft. Die Innenstadt drumherum schön still.

Heute Hausmusik. Sigrid am Klavier, ich an der Klampfe. Die Kinder schütteln genervt die Köpfe im Takt. Das Lied heißt Corona. Es geht so:

Es ist ein großes Unglück / Über uns gekommen / Wir stehen da / und fühlen uns beklommen / Wir wissen nicht was passiert / und fragen uns wie

In meinem Treppenhaus / geht ein Mann auf und ab / Im Erdgeschoss / öffnet eine Frau ihren Sack / Sie zieht Papiere heraus / Wovon handeln sie nur?

Synergie / Effekte / Draußen treiben sie wieder das Vieh / Synergie / Effekte / So schön und bunt wie nie

Ich stehe vor der Wohnung / und dann trete ich ein / Ich sitze im Sessel / Ich betrachte mein Bein / Ich gehe zum Fenster / Fühle mich nicht mehr allein

Du sitzt hinter Glas / Ich schraube es auf / Ich gratuliere mir / zu diesem Kauf / Deine Stimme ist wunderschön / Sie sagt mir was ich brauch

Synergie / Effekte / Draußen treiben sie wieder das Vieh / Synergie / Effekte / So traurig und schön wie nie / so schaurig und schön wie nie

 

3.4.20

Lieber Benjamin, Du hast heute Geburtstag. Herzlichen Glückwunsch! Gestern habe ich Dein Buch zu Ende gelesen. Ich mochte die Eichhörnchenfamilie. Die Gedichte sind toll. Und eine der Stellen, in denen das Auto sich überschlägt. Was nehme ich mit? Es ist keine Geschichte einer Heilung. Jetzt wünsche ich mir einen Roman von Dir.

Bei uns wird heute beim Frühstück der Erwerb eines Haustiers diskutiert. Mögliches Kompromisstier: Eine Schildkröte. Haart nicht, fängt keine Vögel. Muss dafür mutmaßlich winters ins Gefrierfach, unheimlich. Wie macht eine Schildkröte Kacka? Mögliche Namen: Henrietta, Chico, Massimo, Schniebli, Rainer Maria, Treffle 2.0, Cooper, Joschi, Herr Weins. Als erste Annäherung den Erwerb eines Schildkröten-als-Haustier-Buchs ins Auge gefasst.

 

4.4.20

Passiert heute etwas Unerlaubtes? Meine Schwester kommt nachmittags zu Besuch, um mir nachträglich mein Geburtstagsgeschenk zu überreichen. Wir wollen einen Spaziergang zum Teich machen. Ist das okay, weil wir eine Familie sind? Oder sind wir zu viele Erwachsene auf einen Schlag? Machen wir uns strafbar? Kommt die Corona-Polizei?

Meine Mutter ruft mindestens zweimal am Tag an, wobei sie jeweils vergessen hat, dass wir schon gesprochen haben. Sie erkundigt sich, ob wir vielleicht heute Zeit für sie hätten, um sie besuchen zu kommen. Dann sage ich Corona und sie sagt ach ja.

Eben war sie sehr aufgeregt, sie habe sich erst verwählt, da sei ein Mann dran gewesen, der sie beschimpft habe, er rufe die Polizei. Es war noch früh, am Wochenende. Vermutlich hat sie dort nicht zum ersten Mal angerufen.

 

6.4.20

Schulaufgaben sind das neue Schreiben.

 

7.4.20

tasten/ in die Nacht hinaus/ silbern/ wie schwimmen/ durch den Mond/

atmen/ die Maske habe ich liegen lassen auf dem Nachtschrank/

ich habe etwas drauf geschrieben/ die heutige Tätowierung/

da steht/ die Luft ist kühl doch/

welcher Depp hat den Roller mitten auf den Weg gestellt

 

8.4.20

Der Beginn einer wundervollen Geschichte? Sie könnte „Der Leseengel“ heißen.

„Zu der Zeit wohnten wir am oberen Ende der Stadt in einem statisch nicht ganz einwandfreien Haus, in einigen Zimmern musste man das Gewicht behutsam verlagern, Räume, die die Kinder nicht betreten durften, ganz dicht an der Abbruchkante, da, wo man von jedem Fenster weit über das Meer blicken konnte. An diesem Morgen hatte ich verschlafen. Ich raffte die Sphäre um mich herum und stolperte aufs Klo. Dort stand schon mein Sohn und bürstete durch die transparente Hülle hindurch seine Zahnimplantate. Er sah blass aus, die Mulden unter seinen Lidern bitterschokoladenbraun.“

Jetzt lese ich, wie man merkt, gerade die Storys von Ottessa Moshfegh und das Eheberatungsbuch von Nick Hornby. Davor las ich in den beiden Roman-Manuskripten herum, die ich bedauerlicherweise in die Schublade geschrieben habe. Ich wollte wissen, ob die Welt sie braucht. Schwierige Sache. Finde ich sie so gut, dass ich sie irgendwie in Buchform bringen will, obwohl sie bislang niemand Professionelles veröffentlichen wollte? Nur für mich, für mein Regal, für meine Erben? Oder um sie bei Lesungen zu verkaufen? Sind sie gut genug? Lag es nur an der Qualität, dass sie jeweils abgelehnt wurden? Oder auch an all den anderen Faktoren, Lebensalter, Renditeversprechen, bring-your-own-Publikum-und-social-networking-skills?

Mir hat mal jemand aus der Literaturbranche, dessen Namen hier nicht genannt werden soll, gesagt, man müsse sich immer fragen, ob ein Buch notwendig sei. Alles klar. Definiere notwendig. Mit dem Abstand vieler Jahre: Hahaha, lieber Tom. Dann wären die Regale wohl ziemlich leer. Ich habe damals doofer Weise nicht nachgefragt.

Ich fürchte also, die Welt braucht meine beiden Schubladenromane nicht, um glücklicher zu werden. Einzelne Leserinnen und Leser vielleicht aber schon. Und darum geht es ja eigentlich doch immer beim Lesen, oder? Individuum trifft Buch und es funkt?

Brauche ich sie? Die Frage ist noch ungeklärt. Vermutlich brauche ich in Wirklichkeit immer nur das Buch, an dem ich gerade schreibe. Und das, das ich lese, selbstverständlich.

 

9.4.20

Ich habe eine Followerin! Das habe ich heute erfahren. Es ist so aufregend. Bislang habe ich ja vor allem für mich selbst geschrieben, an mich selbst als Anonymus gerichtet sozusagen (das ist die genderneutrale Form von Anima und Animus im Jungschen Sinne). Nun aber kann ich mich direkt an meine Followerin richten. Es handelt sich um Sandra, meine Lieblingsschwägerin, wie ich hier mal schleimerisch behaupten kann, wir sind ja unter uns. Hallo Sandra. Sandra ist Lehrerin. Kürzlich hätte ich beinahe eine E-Mail an die Lehrerinnen und Lehrer meiner Kinderinnen und Kinder verfasst und um die Abtretung eines Teil des Gehalts gebeten, weil ich ja nun als ungelernte Aushilfe quasi einen Teil des Jobs übernehme. Dann aber fiel mir glücklicherweise doch noch ein, dass die Sache mit den Schulschließungen ja kein Einfall der Lehrerinnen und Lehrer gewesen ist. Mittlerweile habe ich auch aus glaubhafter Quelle erfahren, dass die Lehrerinnen und Lehrer in der Regel derzeit eher mehr arbeiten müssen als weniger, und einige ganz besonders.

Ich stelle mich also mal kurz raus auf den Balkon und klatsche Dir zu, liebe Followerin. Ernsthaft.

Ich selbst profitiere ja durchaus von der Schulschließung. Gerade stehen wir um viertel nach acht auf – anstatt wie sonst um viertel vor sieben. Dieses frühe Aufstehen zermürbt, das stelle ich einmal mehr fest. Ich habe es schon als Schülerin und Schüler gehasst. Heuer führt es dazu, dass ich Schlafstörungen entwickle und Tag für Tag den nächsten Schulferien entgegen krieche, metaphorisch gesprochen. Derzeit fühle ich mich wesentlich ausgeruhter. Das tut auch dem Teint gut.

Die Kinder entwickeln derweil neue Routinen und erproben ungewohnte Verhaltensweisen. Gregor telefoniert seeehr lange mit Freunden – sounds like teenspirit. Und ich fühle mich daran erinnert, wie ich heiligabends mit Markus telefonierte, um mir von seinen Geschenken erzählen zu lassen (Kriegsflugzeugsmodellbausätze). Und Louise entdeckt das iPad für sich, tüftelt freiwillig an einer Mathe-App herum und schaut Lego Friends, während wir sogenannten Erwachsenen Dinge tun wie diese.

Ein Leben ohne Flugzeuge überm Haus ist eigentlich ganz angenehm, fällt mir gerade auf. Weil jetzt doch mal eins drüber fliegt.

Ich möchte aber auch nicht versäumen, meine andere Lieblingsleserin zu grüßen, die gibt es natürlich auch. Sie seufzt gerade in meinem Rücken über Antragsgeschichten.

 

10.4.20

Karfreitag. Aus der Perspektive des Christentums betrachtet: Vor sehr langer Zeit soll heute der Messias hingerichtet worden sein. Das Kreuz, ein interessantes Symbol für eine Religion. Das Leiden. Die Erlösung. Jeder hat sein Kreuz zu tragen. Jeden und jede findet sein/ihr Kreuz.

Es ist das erste Mal seit vielen Jahren, dass ich eigentlich gar nicht nach religiösen Bezügen suche. Man ist so schön für sich. Sonst habe ich immer in der Bibel geblättert und den Kindern Stellen vorgelesen. Angesichts von Corona und der damit verbundenen Verengung der Lebenskreise, ist Ostern dieses Jahr für mich vor allem ein Frühlingsfest. Das reicht mir. Draußen blühen die Büsche, und irgendwann kommt ein Hase vorbei und legt Schokolade in die Gegend. Und wir müssen keine Schulaufgaben machen.

Ich bin ja eh kein Christ. Das heißt, formal gesehen bin ich das schon. Und ich stehe dazu. Religion und Kirche: Daumen hoch von mir!! Aber diese Jesusgeschichte? Hm. Scheint mir reichlich bizarr. Andere Religionen und ihre Mythen erscheinen mir nachvollziehbarer. Dass Gott Mensch ist, meinetwegen. Aber diese Heman-mäßige Verkörperung in einem Menschen? Ich glaube nicht an Wiederauferstehung. Ich glaube gerne, dass der historische Leichnam aus einem Grab verschwunden ist. Das gibt ja auch schon eine gute Geschichte. Aber dass nur ein Mensch Gott ist, glaube ich nicht. Alle oder keiner. Meinetwegen mehr oder weniger. Und alles oder nichts. Ich glaube nicht an den Messias. Damit ist für mich wohl auch das Judentum gestorben. Schade eigentlich, irgendwie eine Religion, die mich reizt.

Dabei fällt mir die Betrachtung von David Wagner in Der sterbende Riese ein, dass unsere Generation von den Nachkriegseltern fast ausnahmslos mit biblischen, also im Grunde mit jüdischen Namen belegt wurde. Als Reaktion auf den Holocaust. Und in kultureller Aneignung, in der Identifikation mit den Opfern, um sich reinzuwaschen?

Ostern also. Ich warte auf den Hasen, und morgen mache ich ein Feuer im Garten.

 

11.4.20

Neben meinen pseudoreligiösen Reflexionen, habe ich gestern noch den Roman Meeres Stille von Stefan Beuse durchgelesen. Mehr oder minder in einem Rutsch, was für das Buch spricht. Ich erinnere nicht mehr so recht, warum ich es 2003 nicht gleich las, als ich alles von Stefan Beuse gelesen habe. Ein Thriller. Und offensichtlich ein Pageturner.

Heute habe ich Kopfschmerzen und sehr schlechte Laune, da kann aber Stefan Beuse vermutlich wenig dafür. Ist das Corona? Oder die Corona-Depression? Vielleicht muss ich auch einfach nur mal wieder fremde Menschen sehen. Freunde. Frohe Ostern.

 

13.4.20

Und jetzt ist Ostern. Und ich sitze etwas müde auf dem Sofa. Der Hase war da. Die alte Mutter wurde vor ihrem Heimchen angeguckt, dick ist sie geworden. Und draußen in der Welt bereden die Menschen, wer schuld ist. Wie immer. Die moralisierenden Besserwisser melden sich zu Wort, jetzt schon, letztlich ist es immer so. Sie wissen genau, wer was wann genau hätte anders machen sollen. Das ist ermüdend. Ich denke an eine Welt in zwei Jahren, oder in einem. Wenn es wieder Nazis geben wird. Voller Häme werden sie vorrechnen, was man in in der Corona-Zeit niemals hätte machen dürfen, sie werden Profit daraus schlagen. Sie werden es immer alle schon gewusst haben, nicht nur die Nazis. Sie wissen es ja jetzt schon. Heute wurde zudem die Leopoldina Weissagung durchgestochen. Diskutiert werden die ersten Schritte, mit denen das zusammengefaltete Leben wieder hochgeklappt werden soll. Mit dem regelmäßigen Schulbesuch wird es demnach für Teile unserer Kinder noch eine Weile dauern. Werde ich dann noch des Schreibens mächtig sein? Werde ich es noch wollen? Wird es mir noch sinnvoll erscheinen?

Der Osterhase hat ein Buch für mich ins Gras gelegt, Sarah von Scott McClanahan. Ich bin gespannt!

Übrigens, noch ein Buch, das ich in den letzten Wochen mit großer Freude gelesen habe: Heimfahrt von Wolfgang Schömel.

 

14.4.20

„Man ist, solange der Ausnahmezustand anhält, nicht an seinem eigenen Scheitern Schuld“, schreibt Helene Hegemann bei Spiegel Online.

 

15.4.20

Was ich einmal ganz gewiss vermissen werde:

Die Stille. Die Leere der Straßen. Die Leere der Stadt. Den Himmel ohne Flugzeuge. Weniger Termine und Treffen und Gehetze. Weniger Verpflichtungen. Die intensive Zeit mit den Kindern im Kobel. Den Frühling. Das Ausschlafen können, ein Leben im Biorhythmus. Das Verschwinden der immer gleichen Nörgelthemen aus den Medien. Und dass man, solange der Ausnahmezustand anhält, nicht Schuld am eigenen Scheitern ist.

 

16.4.20

Ich habe gerade eine „Analyse“ von Guido Mingels bei Spiegel Online darüber gelesen, was die Coronakrise für die Techindustrie und insgesamt für die endlich so richtig Fahrt aufnehmende Digitalisierung des gesellschaftlichen Leben bedeute. Ein Text voller Optimismus, voller Technologie-Bejahung. Mich schüttelt es. Mingels formuliert neun Thesen zu möglicherweise unumkehrbaren Veränderungen des wirtschaftlichen und sozialen Lebens, zur Verlagerung des Privaten und Beruflichen aus der öffentlichen Sphäre weg ins separate Wohnumfeld. Nicht nur als pragmatische und durchaus segensreiche Lösung in den Notzeiten eines Shutdowns. Sondern auch als sinnvolles zukünftiges Szenario. Arbeiten im Homeoffice. E-Lernen. Einkäufe via Amazon. Undsoweiter. Mich wundert, dass mit keinem Wort die Risiken und realen Verluste beschrieben werden. Vor vielleicht zwei Jahren (?) war medial noch die zunehmende Vereinsamung von Menschen ein Thema, als in England ein Ministerium für Einsamkeit gegründet worden war. Dass ein Austausch mittels Zoom oder Skype die Begegnung in der sogenannten Wirklichkeit psychologisch keinesfalls ersetzen kann, wird nicht einmal gestreift. Meine Haltung zu diesen Fragen ist vielleicht im Kern misstrauisch bis paranoid. Mir gefällt nicht, dass ich für den Umgang mit Freunden zukünftig auf die technischen Dienste Dritter angewiesen sein könnte – und jene Dritten profitieren von meiner Abhängigkeit, offen oder verdeckt, in dem ich bezahle, mit Geld oder Daten. Dass die Oma etwas davon hat, in den Supermarkt zu wackeln oder zum Arzt oder auch nur zur Bank, der Nutzen der Fülle von Begegnungen und möglicher Kommunikation liegt doch auf der Hand. Menschen brauchen echten Kontakt und Austausch für ihre psychische Gesundheit. Was passiert mit Menschen, die nur noch zu Hause hocken und mit irgendwelchen Avataren plaudern? Statt mit Markus (beispielsweise) könnte ich ja auch mit Siri reden, oder? Sie ist vermutlich aufmerksamer und interessierter an mir. Paranoid gefragt: Wem nützt das alles? Und was will Guido Mingels? Wer ist Guido Mingels?

 

17.4.20

Momentan bietet sich das Bild einer Welt dar, in der das, was eben noch als psychopathologisches Symptom galt, sich plötzlich als erwünschte soziale Norm entpuppt: der soziale Rückzug wie im Rahmen einer depressiven Episode, das Vermeidungs- und Sicherheitsverhalten wie im Zuge einer sozialen Phobie oder einer anderen phobischen Erkrankung, Wasch-, Putz-, und Reinigungszwänge wie bei der Zwangsstörung. Gestern noch behandlungs- und heilungsbedürftig, heute vorbildhaft. Und die großen Tech-Konzerne profitieren. Ich bin nicht paranoid. Ich glaube nicht an ein böses Subjekt, das planvoll vorgeht. Aber ich glaube auch nicht an die Kurzlebigkeit der erwünschten Veränderungen. Man wird daran verdienen wollen. Langfristig. Ich bin ganz offensichtlich Teil der Generation Orwell. Ich glaube, dass sich etwas Doppelplusungutes wertehaft zu etablieren droht, es will sich mir als etwas ganz, ganz Schönes verkaufen, verschleiert wie im Märchen, dass sich entsprechende Tendenzen, schon vorher erlebbar, nun wie von selbst verstärken, Virus sei Dank.

 

22.4.20

Der Nobelpreisträger Mario Vargas Llosa sagte im November 2019:

„Ich glaube nicht, dass irgendetwas Literatur ersetzen kann. Nichts vermag so gut wie die Literatur, uns daran zu erinnern, dass die wirkliche Welt unzureichend ist. Dass wir eine andere Welt brauchen. Ich glaube, das ist der große Beitrag der Literatur zum Fortschritt. Wenn Literatur nur noch auf Bestseller getrimmte Unterhaltung ist, wird ihr kritischer Geist verschwinden. Und sie wird marginal werden. Das ist eine echte Tragödie der Menschheit, wissen Sie? Nicht nur, weil Literatur einen allen anderen Künsten überlegenen Genuss bietet und den menschlichen Erfahrungshorizont so ungeheuer erweitert, sondern vor allem, weil die kritische Haltung gegenüber der Welt verschwindet. Die großen Mächte manipulieren uns dann uneingeschränkt: die politischen Mächte, die wirtschaftlichen Mächte, die technische Mächte.“

Gut, das sagt ein 83jähriger Schriftsteller mit entsprechender Sozialisation. Aber mir spricht er aus dem Herzen.

 

24.4.20

Ich bin nicht nur Corona-müde, ich bin auch etwas Corona-Tagebuch-müde, wie Du sicher schon bemerkt hast, liebe Sandy.

Aber Du wirst derzeit ohnehin genug mit dem Nähen von Masken zu tun haben, die wir ab Montag tragen müssen, bzw. in diesem Fall tragen dürfen.

G. „nimmt“ eine weiße zum Selberbemalen (einen lächelnden Mund) und L. will es ihm zu seinem Ärger nachmachen. Diskussionen am Frühstückstisch folgten, über das „Nehmen“ und über gemusterte Stoffe.

Gestern habe ich immerhin den Venlo-Teil zu Ende geschrieben, habe Heiner zur Heilerin und an den Fluss begleitet. Gerade beim Laufen habe ich versucht, Bilder vom nächsten Teil zu finden, Marianne in Frankfurt, im Städel, in Archiven, im Hotel mit dem fremden Mann.

Gestern Abend traf ich T. zum Spaziergang über den Friedhof. Wir debattierten, ob man an diesem Ort alkoholfreies Bier trinken dürfe (ich: ja, er: nein) bzw. joggen dürfe (er: ja, ich: nein) und ob man seine Kinder in Kontakt mit ausgewählten Referenz-Kindern bringen könne (ich: ja, er: nein) und was die Merkelsche Notwendigkeit eigentlich meine.

 

29.4.20

So war es schon früher, wenn ich weit, weit weg war. Ich wollte nicht zurück. Ich wollte, dass es bleibt. Das geweitete Jetzt. Die ausgedehnte Anwesenheit. Die Intensität. Keine Rückkehr in den Alltag. Dieses Kleinwerden. Natürlich gönne ich den Menschen ihr Geschäft, das Überleben. Und ich gehe auch gerne in Restaurants. Aber, wenn man mich fragt, ich könnte ewig in der Stille des Nicht-Seins leben, im angehaltenen Atem.

 

1. Mai

Tatsächlich wäre ich wahrscheinlich ein ganz guter DDR-Bürger geworden. Meine Mutter hat ja, vielleicht etwas unfreiwillig, als 16jährige rüber gemacht. Nur zwischen zwei Limonaden wählen müssen, gelb und rot. Und eine Sorte Seife. Und manchmal sogar Bananen, hmm. Ist es nicht Zeit für die Öko-wissenschaftsbasierte Wohlfühl-Diktatur? Wäre ich begeistert bereit für den hingenommenen Staatsstreich von Mitte-Oben-Links, von sympathischen, hochgebildeten und dabei irgendwie so attraktiven Frauen verkauft?

Offenbar bin ich ein Fan von Einschränkungen, wenn sie denn meinem Naturell entsprechen. Und Reisen sind ja eh ein überschätztes Hobby. Ich brauche gar keine Läden über 800 Quadratkilometer. Und Internet brauche ich eigentlich auch nicht (geht aber auch ganz gut mit, gebe ich zu).

 

4.5.20

Ein erster Abschied. Seit heute geht der Große wieder zwei Stunden am Tag in die Schule. Dort sitzen sie zu elft, jedes Kind einzeln am Tisch, anderthalb Meter von einander entfernt, die Gesichter zur Wand. Und wir stehen wieder früher auf. Und gewonnen ist wenig, für uns sogenannte Erwachsene zumindest, die Kleine bleibt zuhause und muss bei ihren Aufgaben betreut werden. Morgen ist wieder mein Schreibvormittag, heute habe ich mich mit den Buchstaben Pf und dem Malrechnen beschäftigt. Und der Große kommt bereits um 10 nach Hause und arbeitet dann im Wohnzimmer vor sich hin. Die großen, großen Corona-Ferien gehen zu Ende. Adé!

Schrecklich ist es ja irgendwie, da draußen in der Ferne. Hier drinnen im Kobel war’s schön. Werden sich die Kinder jemals wieder so nah sein?

 

8.5.20

Kapitulation

Am Morgen kommt L. zu mir und erzählt mir ihren Traum. Darin kommt ein hoher Berg mit einem schmalen Weg ohne Geländer vor. Sie turnt darauf herum, rutscht ab und fällt und fällt und fällt in die Schlucht. Sie überlebt, der Traum oder sein Bericht zieht sich etwas.

Am Ende fragt sie mich: Weißt du, was das Beste an meinem Traum war?

Was denn?, frage ich.

Das Fallen, sagt sie. Zu Fallen ist schön.

Hattest du denn keine Angst?, frage ich.

Nein, ich wusste doch, dass es ein Traum war.

Wenig später ergänzt sie: Es müsste ein Lied geben, das „Umfallen und sterben“ heißt. Der Refrain geht so: Es ist so, als würdest du umfallen und sterben. – Was findest du besser? „Umfallen und sterben“ oder „Aufstehen und leben“?

 

17.5.20

Ferien! Ab dem 25. gehen dann beide Kinder wieder zur Schule. Allerdings wird sich das Schreiben weiter schwierig gestalten. G. wird montags und dienstags für jeweils fünf Stunden beschult, mittwochs zusätzlich alle zwei Wochen. Und L. geht dann Donnerstag und Freitag zwischen 11 und 13 Uhr in die Schule. Es bleibt also immer ein Kind für uns zuhause zu bespaßen bzw. zu beernsten. Und viereinhalb Wochen später beginnen die Sommerferien. Dabei schreibe ich doch gerade diesen wahnsinnig vielversprechenden Roman. Es läuft richtig gut. Ich glaube, das ist jetzt endlich der Durchbruch. Weltliteratur! Mir kribbelt es in den Fingern, endlich, endlich! Bald schon werden sie mich auf den Schultern durch die Straßen tragen, den Weltgroßschriftsteller. Im Ernst, gestern Abend habe ich Thomas getroffen, natürlich auf Abstand. Er hat jetzt 160 Seiten gelesen und gab mir ein sehr angenehmes Feedback. Das macht Mut. Das tut gut. Bitte noch eine kleine Scheibe Selbstwert, bitte.

 

20.05.20

Von vorgestern auf gestern 0 Neuinfektionen in Hamburg. Bedeutet das, dass die Welle jetzt über uns hinweg geschwappt ist? Können wir die Köpfe wieder hochnehmen? Heißt es, Abstand zu nehmen von Corona? Abschied? Auch von diesem Tagebuch? Längst ist neue Normalität eingekehrt. Ich bin gespannt, was sie aus den Trümmern bauen werden. Was ich selbst bauen werde, hier mit meiner Plastikschaufel am Hundestrand des Lebens. Tschüß, Corona! Ich verschwinde dann mal bis auf Weiteres im Homeoffice.

 

27.5.20

Unten am Alsterlauf, da, wo ich an manchen Morgen vorbei jogge, leben seit Corona zwei Raben.